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Eine Fahrt nach Rostock

Pfingsten, 25. bis 28. Mai 2012

   

Der Weg zum Bootshaus der Rostocker Universitätsruderer führte über eine staubige Baustelle. Einst war hier das graue und rissige Handwerksviertel Gerberbruch. Jetzt sollte ein Klein-Venedig entstehen. Der Sinkflug von 250 000 Einwohnern war bei 200 000 Einwohnern gestoppt worden und mit dem Projekt ins Gegenteil verkehrt werden. Der Ruderverein war ein liebevoll und ehrwürdig in Holz eingerichtetes Bootshaus, und der Staub tanzte lautlos im Sonnenlicht vor den kleinteiligen Fenstern. Wir konnten uns einen 2+-Inrigger und eine 2x+-B-Gig ausleihen. Beide Boote waren küstengewässertauglich. Rostock liegt 15 km vom offenen Meer entfernt und ist windanfällig. Trotzdem war die Fahrt mit zwei Etappen zu ca. 20 km für Anfänger konzipiert worden. Am Samstag vor Pfingsten ruderten wir los und hatten Glück. Windstärke 2 bis 3, da sollten wir es bis ans Meer schaffen. Rostock lag im Süden des Haffes Unterwarnow. Seine Marienkirche wetteiferte mit der hanseatischen Mutter Lübeck und saß wie eine Krone auf dem Altstadthügel. Die hatte die DDR noch erweitert. Statt der weggebombten Fachwerk- und Backsteinhäuser wurde eine gerade, sozialistische Prachtstraße mit imposanten Wohnhochhäusern gebaut. Gotischer Fassadenzierrat wirkte etwas verloren, machte die Lange Straße aber unverwechselbar. Die Königsstraße in Altona war grausamer verschandelt worden. Der Hafen war abgeräumt worden. Nur noch wenige Schiffe lagen am Kai mit der kargen Promenade. Sonst wirkte der Platz öde und verloren, jetzt tummelte sich hier die ein kreischender, flackernder Jahrmarkt. Ohne den Dom war das Heiligengeistfeld genauso verwaist. Eine Flottille von Segeljachten machte sich auf zu einer Regatta auf der Ostsee und uns das Leben schwer. Wir versuchten, außerhalb des Fahrwassers zu bleiben, doch wo genau war das Fahrwasser? Es gab auf der Unterwarnow gleich mehrere, und das Wasser war übersät mit roten und grünen Bojen. Wir kannten uns nicht aus und fuhren zwischen die Boote. Für Ortskundige ist die Unterwarnow nicht komplizierter zu steuern als der Hamburger Hafen. Unterhalb von Bramow waren die grauen Fischkombinate modernen, bunten Legowohnquadern gewichen. Marienehe war seitdem wieder ein Stadtteil mit Einwohnern und Rostock hatte seine eigene Hafencity. Noch weiter stromab öffnete sich das Haff von 500 m auf 4 km. Das Rostocker Pendant zum Mühlenberger Loch hieß Breitling. Hier war Platz für einen neuen Seehafen. Vor dem Krieg waren Hamburg und Stettin die großen Häfen, zu DDR-Zeiten mußte das Rostock werden, denn da konnte mit der Aluminium-Mark bezahlt werden. In Hamburg war es nicht die Politik, sondern der Container, der den Hafen nach Waltershof vertrieb. Das Hinterland gelangte über die Elbe zum Hamburger Hafen, wogegen die Warnow nur ein schmales unbedeutendes Flüsschen blieb. Endlose Eisenbahngleise versuchten das auszugleichen, doch brauchte Rostock 20 Jahre um den Einbruch nach der Wende im Güterumschlag auszugleichen. Deswegen konzentrierte man sich auf die zahlreichen Fähren in die nordischen und baltischen Länder, für die ein Autobahnanschluß reichte. Hamburg hatte seine Englandfähre nach Cuxhaven abgeben müssen. Es gab drei Kais für die Fähren, und bald schon hatte uns eine Schwedenfähre aufs Korn genommen. Die Warnow wurde hier, kurz vor der Mündung ins Meer, wieder schmal, eine Flußfähre fuhr einen dichteren Takt, als wir das von der hamburgischen 62 kannten, Ausflugsschiffe hangelten sich gegen die Verkehrsregeln an der Warnowwerft entlang und langweilten ihre Gäste aus scheppernden Lautsprechern. Im letzten Augenblick, bevor die Schwedenfähre uns überholen konnte, erreichten wir das offene Meer und ritten die Bugwellen ab. Vor uns auf der Ostsee tummelten sich die erwähnten Segeljachten. Der Strand war voll von Badegästen. Die Sonne schien gleißend, und das Wasser leuchtete sattblau. In Warnemünde gingen wir an Land. Das Fischer- und Lotsendorf hatte auf Seebad umgesattelt; die Seebäderarchitektur war sogar noch einigermaßen schlicht geblieben. Die Kutter fischten jetzt nicht mehr nach Forellen und Kabeljau, sondern nach Touristen ohne eigenes Boot und mit Angelhaken. An der Strandpromenade wurde dänisches Softeis verkauft.

Unser Ziel war der Schnatermann am Ende des Breitling. Das Ausflugslokal war der Eingang zu Rostocks Wandergebiet, der Rostocker Heide. Man mußte sich das vorstellen wie die Ponywaldschänke am Klövensteen. Wir schlängelten uns am nördlichen Ufer des Breitlings entlang, dort, wo die grauen Marineschiffe lauerten. Dahinter lag der Schnatermann. Es war Abend und wir liefen die 2 km zu den öffentlichen, und es kam auch tatsächlich ein Bus, der uns aus der Einöde nach Rostock zurück brachte. Am Pfingstsonntag wäre uns unser orangenes Vereinstrikot zum Verhängnis geworden. Wer denn anders als ein Fußballer und ein Fußballfan konnte so etwas tragen? Auf dem Trikot stand "Hamburg". Also mußten wir verhaßte HSV-Fans sein. So jedenfalls pöbelte ein Hansa-Rostock-Fan. Dabei kannte der arme Ulrich I noch nicht einmal die Spielregeln. Die Kameraden des Hansafans wollten sich nicht aus ihrem wohlverdienten Sonntag-Vormittag-Kater in ihren bonbonfarbenen, aufgehübschten Plattenbauten herbeitelephonieren lassen, und der Hansafan trollte sich. Wir ruderten vom Schnatermann nach Rostock zurück. Vorbei an Deutschlands ersten und einzigen Offshore-Windrad. Es stand 200 m von der Küste entfernt. Wir ruderten durch Schilf und Erlenbrüche nach Markgrafenheide. Das war immer noch die Rostocker Heide mit ihrem flachen See und den Torfkanälen. Stromauf hielten wir in Schmarl an. Eine Internationale Gartenschau sollte die Platte von Schmarl und Groß Klein aufmischen, die soziale Schräg-abwärts-Lage umdrehen. In ihrem Park ankerte ständig ein Stückgutfrachter des Typs "Frieden" hergestellt vom Volkseigenen Betrieb "Deutsche Seereederei Rostock". Darin war ein Schiffahrts- und Schiffbaumuseum untergebracht. Es zeigte die mittelalterliche Bootsbaukunst genauso wie die genaue Struktur der Fisch fangenden und verarbeitenden Industrie der DDR. Der Bau der orangenen, vollverkapselten Rettungsboote war in Rostock entscheidend vorangebracht worden. Rüdiger und Johannes steuerten Modellschiffe wie Autoscooter aufeinander los, bis der Museumswärter Einhalt gebot. Der dritte Tag war Rostock gewidmet. Vor dem 2. Weltkrieg war es ein Hauptstandort der Flugzeugindustrie. Drei Betriebe sicherten durch Zwangsarbeiter den militärischen Nachschub, bis dem britisches Flächendauerbombardement ein Ende und der hektischen Flucht aus Rostock über das Meer nach Flensburg sicherte. Als es nichts mehr zu kämpfen gab, kehrte man in die Sowjetische Besatzungszone zurück. Nach dem 2. Weltkrieg verzog sich die Flugzeugindustrie nach Hamburg, und die DDR baute verstärkt Schiffe.2 Tage waren wir also gerudert, 45 km waren zusammengekommen. Die Etappen waren kurz und für Anfänger geeignet und gedacht. Leider kam außer Alina kein Anfänger. Jörg, Rüdiger und ich waren schon alte Hasen. Dabei war die Fahrt auf die Kondition von Anfängern zugeschnitten. Zwei Ruderplätze waren frei geblieben.

André Gesche


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